NAIROBI, Kenia – Weltweit versagen Rechtssysteme dabei, Frauen und Mädchen, die Gewalt erfahren, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dies gilt insbesondere für technologiegestützte Gewalt, ein Phänomen, das global verbreitet ist, sich rasch ausbreitet, aber selten unter Strafe gestellt oder strafrechtlich verfolgt wird.
In diesem Monat werden sich führende Politiker*innen aus aller Welt bei den Vereinten Nationen in New York versammeln, um Rechte, Gerechtigkeit und Maßnahmen zur Stärkung aller Frauen und Mädchen zu fordern. Dies ist der Schwerpunkt sowohl des Internationalen Frauentags als auch der 70. Sitzung der Frauenrechtskommission.
Doch bei der Gerechtigkeit für geschlechtsspezifische Gewalt hat die Welt in den letzten Jahrzehnten erschreckend wenig Fortschritte gemacht. Schätzungsweise 840 Millionen Frauen weltweit haben in ihrem Leben Gewalt durch einen Intimpartner oder sexuelle Gewalt erlebt – und von diesen waren schätzungsweise 316 Millionen in den letzten 12 Monaten Gewalt durch einen Intimpartner oder - partnerin ausgesetzt. Dennoch suchen weniger als 40 Prozent der Überlebenden jeglicher Art von geschlechtsspezifischer Gewalt Hilfe, und ein noch geringerer Prozentsatz wendet sich an rechtliche Institutionen wie die Polizei. Ungerechtigkeit ist die Norm.
Noch gravierender ist die Situation im Zusammenhang mit neuen digitalen Tools, die zunehmend gegen Frauen und Mädchen eingesetzt werden, ohne dass die Täter dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Doch Überlebende, Aktivisten und Aktivistinnen auf der ganzen Welt erheben sich und fordern rechtlichen Schutz sowie die Durchsetzung bestehender Gesetze und Vorschriften.
Von der Verletzung zur Berufung
Allzu oft erkennen Gesetzgebende, die Justiz, Polizei und sogar Gemeindemitglieder nicht die tiefgreifenden realen Schäden, die durch technologiegestützte Gewalt entstehen – oder sie geben den Opfern statt den Täterverdächtigen die Schuld.
In genau dieser Situation befand sich Queentah Wambulwa in Kenia. „Als ich aufwachte, hatte ich scheinbar eine Million Benachrichtigungen auf meinem Handy. Jemand hatte Nacktfotos und -videos von mir in unserer lokalen Facebook-Gruppe veröffentlicht“, berichtete sie UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, der sich für sexuelle und reproduktive Gesundheit einsetzt. „Es handelte sich um Fotos, die ich privat mit meinem Ex-Freund während unserer Fernbeziehung geteilt hatte.“
Ohne ihre Zustimmung verbreiteten sich die Bilder über verschiedene Plattformen. Ihre Qualen wurden durch Cybermobbing und reale Drohungen und Belästigungen noch verstärkt. „Männer auf der Straße kamen auf mich zu und sagten mir, dass sie es genossen hätten, meinen nackten Körper auf den Fotos und Videos zu sehen ... Ich erhielt Anrufe von Leuten, die behaupteten, Polizisten zu sein, und mir drohten, mich zu verhaften, weil ich freiwillig unanständige Bilder von mir geteilt hätte.“
Letztendlich versuchte sie, die Straftat anzuzeigen, wurde jedoch stattdessen beschuldigt und beschämt. „Die Beamten, mit denen ich zuerst sprach, ermahnten mich und sagten mir, dass dies kein Strafverfahren sei, sondern vielmehr ein Fall von unanständigem Verhalten meinerseits.“ Sie versuchte ein zweites Mal, die Straftat anzuzeigen, wurde jedoch aufgefordert, einen Anwalt zu beauftragen, den sie sich nicht leisten konnte. Aber selbst wenn sie erfolgreich Anzeige erstattet hätte, hätte das Gesetz nur wenige Konsequenzen für den Täter gehabt: „Die gesetzliche Strafe für die Weitergabe intimer Bilder, nämlich zwei Jahre Haft und eine Geldstrafe von 250.000 Kenia Schilling, wäre das lebenslange Trauma, mit dem ich zu kämpfen habe, nicht wert“, sagte Frau Wambulwa.
Viele Überlebende dieser Art von Gewalt ziehen sich aus dem Online-Leben zurück und verpassen dadurch Bildungs-, Gemeinschaftsbildungs- und wirtschaftliche Möglichkeiten, die ihnen sonst durch digitale Räume zugänglich gewesen wären. Frau Wambulwa tat jedoch das Gegenteil: Sie kämpfte weiter und wurde Therapeutin und Verfechterin einer Gesetzesänderung.
„Ich habe die Girls For Girls Africa Mental Health Foundation gegründet, eine eingetragene gemeinnützige Organisation, die Überlebenden traumainformierte psychosoziale Unterstützung bietet“, erklärte sie. Außerdem setzt sie sich dafür ein, „die bestehende Gesetzgebung zu reformieren, damit Frauen und Mädchen online sicherer sind“.
Aufruf für eine bessere Zukunft
UNFPA hat gerade ein zweitägiges virtuelles Symposium zur Beendigung technologiegestützter geschlechtsspezifischer Gewalt beendet, das gemeinsam von UNFPA, Global Affairs Canada und der Association for Progressive Communications veranstaltet wurde. Das Symposium brachte Aktivisten und Technologieexperten zusammen, um sich mit diesen neuen Gefahren auseinanderzusetzen.
Weitere Bemühungen um Gerechtigkeit werden in dieser Woche in New York stattfinden, wo sich UNFPAs Champion Shudufhadzo Musida für Frauen und Mädchen einsetzen wird, im Rahmen einer Reihe von Veranstaltungen, bei denen UNFPA und seine Partner und Partnerinnen Diskussionen organisieren und zum Handeln aufrufen.
Frau Musida kennt die verheerenden Auswirkungen digitaler Belästigung aus erster Hand: „Wenn Gewalt in der virtuellen Welt ausgeübt wird, sind die Angst, die Unsicherheit, der Verlust des Selbstwertgefühls und das Gefühl der Ohnmacht sehr real und nachhaltig“, sagt sie.
